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Schiller, Goethe und die Donau

 

 

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Eine Lehrerin empfahl mir, Schillers Ballade »„Der Handschuh« zu lesen. Ich blätterte den Gedichtband durch und stieß auf die Sinnsprüche, die er zusammen mit Goethe geschrieben hatte, und von denen mehrere über Flüsse handeln, einer auch über die »Donau in B(ayern)«:

»Bacchus der Lustige führt mich und Komus der Fette durch reiche Triften, aber verschämt bleibet die Charis zurück.«

Das ist wenig schmeichelhaft, aber dazu muss man erst wissen, was mit »Bacchus«, »Komus« und »Charis« gemeint ist.

Bacchus ist der Gott des Weines, das weiß man gerade noch. Aber mit ihm sind noch viel mehr Geschichten verbunden. Lange vor den Argonauten und dem Herkules, lange vor Troja soll er sich sogar in Indien herumgetrieben haben. Im Nationalepos der Portugiesen, den »Lusiaden«, das die Eroberungsfahrten Vasco da Gamas beschreibt, erscheint Bacchus immer noch als der Beschützer Asiens. Ich erzähle dies deswegen, da wir heute Bacchus meist nur noch mit geselligen Runden in Verbindung bringen. Das war aber ein Vorläufer Alexanders des Großen!

Karl Philipp Moritz, der mit Goethe in Rom war, berichtet in seiner 1791 erschienenen »Götterlehre« auf gut sieben Seiten über diesen göttlichen Helden. Für unseren Kontext scheint mir dieser Absatz noch wichtig (S. 128):

»Des Bacchus hohes Urbild war die innere schwellende Lebensfülle der Natur, womit sie dem Geweihten begeisternden Genuß und süßen Taumel aus ihrem schäumenden Becher schenkt. Der Dienst des Bacchus war daher, so wie der Dienst der Ceres, geheimnisvoll; denn beide Gottheiten sind ein Sinnbild der ganzen wohltätigen Natur, die keines Sterblichen Blick umfaßt und deren Heiligtum keiner ungestraft entweiht.«

In einem kurzen Absatz wird auch Komus von Moritz beschrieben (S. 239):

»Mit einer gesenkten Fackel in der Hand und mit herabgesunkenem Haupte schlaftrunken an eine Tür sich lehnend, wurde Komus, der Vorsteher nächtlicher Schmäuse, frohen Lebensgenusses, muntrer Laune, heitrer Scherze und geselliger Freuden, von den Alten gebildet, und sie hielten den Genius des frohen Lebensgenusses nicht für unwürdig, in der Reihe der Göttergestalten mit aufzutreten.«

Der Göttin der Anmut, Charis, bzw. den Charitinnen, den drei Grazien, widmet Moritz zwei Seiten, sie ähneln der Liebesgöttin, folgen ihr, sind aber sanfmütiger, milder, wohltätiger. »Vom Himmel senkten die drei Huldgöttinnen zu den Sterblichen sich hernieder, um die schönen Empfindungen der Dankbarkeit und des wechselseitigen Wohlwollens in jeden Busen einzuflößen. Auch waren sie es, welche vor allen anderen Göttern den Menschen die süße Gabe zu gefallen erteilten.«

 

Aglaja (die Glänzende), Thalia (die Blühende) und Euphrosyne (die Frohsinnige) heißen die drei – ich erinnere mich, dass Schiller mal eine Zeitschrift namens „Thalia« herausgab, in der auch Hölderlin seinen Hyperion vorveröffentlichte.

Klar ist nun, wieso der Sinnspruch über die bayerische Donau, mit dem Gäuboden in seiner Mitte, wenig schmeichelhaft ist. Es ist zwar ein reiches Land, von der Kornkammer Bayerns sprach man früher, und »Bauernkönige« wurden darin groß, Bacchus und Komus fühlten sich wohl dort, aber die Charis hielt sich eben nicht dort auf; das verstehe ich so, dass zur Goethezeit die Bewohner als grobschlächtig, egoistisch und unhöflich angesehen wurden. Man scheint alles zu haben und ist doch unzufrieden.

Findet sich bei diesen Klassikern noch mehr über die »bayerische Donau«? Goethes »Italienische Reise – Auch ich in Arkadien!« fängt damit an! Anfang September 1786 ging die Reise los, den ganzen Sommer hatte es geregnet und Goethe näherte sich von Böhmen kommend Regensburg. Ihm fiel sogleich die große europäische Wasserscheide auf, welche mitten durch den Bayerischen Wald geht und wo die einen Quellen letztlich in die Nordsee münden und die andern ins Schwarze Meer: »Mir gibt es sehr schnell einen Begriff von jeder Gegend, wenn ich bei dem kleinsten Wasser forsche, wohin es läuft, zu welcher Flußregion es gehört. Man findet alsdann selbst in Gegenden, die man nicht übersehen kann, einen Zusammenhang der Berge und Täler gedankenweise.«

Man kann mit Goethe eine vertiefte Art des Reisens lernen, wie er eine Region z.B. nach ihren Gesteinen schnell überblickt oder auch in ihrer Fruchtbarkeit zu begreifen versucht: »Den Regenfluß herauf hatte in uralten Zeiten Ebbe und Flut aus dem Donautal in alle die Täler gewirkt, die gegenwärtig ihre Wasser dorthin ergießen, und so sind diese natürlichen Polder (Deichland) entstanden, worauf der Ackerbau gegründet ist. Diese Bemerkung gilt in der Nachbarschaft aller größern und kleinern Flüsse, und mit diesem Leitfaden kann der Beobachter einen schnellen Aufschluß über jeden der Kultur geeigneten Boden erlangen.«

Literatur
Moritz, Karl Philipp: Götterlehre, hrsg. v. Horst Günther, Frankfurt am Main und Leipzig 1999.

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